Flüchtlingssituation im Landkreis Lindau: Lage wird dramatischer

Landratsamt Lindau prüft nun auch Nutzung öffentlicher Gebäude für eine dauerhafte Unterbringung

29.10.2015 Lindau (Bodensee). Lange hatte Landrat Elmar Stegmann diesen Schritt hinausgezögert, aber aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation wird nun auch das Landratsamt Lindau auf größere Unterbringungen zurückgreifen müssen.

„Wir bekommen momentan wöchentlich etwa 40 Flüchtlinge zugewiesen“, erklärt Stegmann den Schritt. „Dies sind zu viele um die Menschen weiterhin dezentral in kleinen Einheiten unterbringen zu können.“ Nimmt man die Prognosen her, die noch vor wenigen Wochen von der Regierung von Schwaben gestellt wurden, so hätte das Landratsamt mit Stand heute ausreichend Wohnraum bis Ende des Jahres in Aussicht gehabt. „Jetzt können wir noch die Flüchtlinge, die in den nächsten zwei Wochen ankommen, versorgen. Dann ist Schluss!“ so der Landrat.

Derzeit prüfen die Mitarbeiter des Landratsamts, welche öffentlichen Gebäude für eine längerfristige Nutzung als Flüchtlingsunterbringung in Frage kommen. Auch Containerlösungen schließt Stegmann mittelfristig nicht mehr aus. Die Bürgermeister wurden von ihm bereits über die aktuelle Entwicklung informiert und einmal mehr um aktive Unterstützung gebeten.

Das Landratsamt bittet auch Haus- oder Grundstücksbesitzer weiterhin um Hilfe. Aus logistischen Gründen können jedoch keine kleinen Wohnungen, sondern nur noch Objekte mit mindestens 10 Plätzen realisiert werden. Ferienwohnungen, die nur begrenzt auf wenige Monate angeboten werden, können nicht genutzt werden. Dafür werden Grundstücksangebote von mindestens 600 Quadratmetern, erschlossen oder leicht erschließbar für Modul- oder Containerbauten gesucht. Zur Bündelung von Angeboten hat das Landratsamt Lindau eine neue Funktionsadresse angebot-asylunterkunft@landkreis-lindau.de eingerichtet.

Laut bisheriger Prognose musste das Landratsamt bis Jahresende etwa 965 Unterkunftsplätze im Landkreis Lindau einrichten. Dies hätte in den nächsten Wochen eine Zuweisung von etwa 20 Personen pro Woche bedeutet. Nun müssen aktuell schwabenweit pro Woche 800 bis 1.200 Menschen aufgenommen werden. Das bedeutet für den Landkreis Lindau eine wöchentliche Zuweisung von 40 Personen. Bis Ende des Jahres müssen laut dieser Prognose insgesamt etwa 1.200 Plätze im Landkreis geschaffen sein. „Ob und wie wir dies bewältigen sollen ist derzeit noch nicht absehbar“, schreibt Stegmann in seinem Schreiben an die Bürgermeister.

Bei gleichbleibend hohen Zuweisungszahlen muss der Landkreis im kommenden Jahr mit insgesamt etwa 2.400 Unterkunftsplätzen rechnen, was einer 3%-Quote entspricht.

Vor diesem Hintergrund plant das Landratsamt Lindau folgende Schritte:

In den bestehenden Unterkünften werden alle noch nutzbaren Platzreserven mobilisiert und die bestehenden Unterkünfte wo möglich dichter belegt.

Alle vorliegenden sinnvollen und realisierbaren Angebote für neue Unterkünfte werden angenommen – unabhängig von einer gemeindlichen Verteilungsquote.

Auch auf größere Wohneinheiten wird zurückgegriffen. Die bislang geltenden Obergrenzen für die Größe der Unterkünfte werden somit nach oben korrigiert.

Mittelfristig wird die Erstellung von Modulbauten weiter forciert, auch Containerlösungen werden geprüft.

„Trotz all dieser Maßnahmen werden wir nicht auf andere Notfallmaßnahmen wie etwa die Beschlagnahmung von Hallen oder anderen öffentlichen Gebäuden zur längerfristigen Unterbringung von Flüchtlingen verzichten können“, bedauert Landrat Stegmann. Sollte dieser Fall eintreten, werden jedoch die bestehenden Unterkunftsquoten berücksichtigt, so dass vorrangig die Gemeinden belastet werden, die noch keine oder nur sehr wenige Flüchtlingsunterbringungen haben.

Immer problematischer wird auch die Personalsituation im Landratsamt. So bleibt derzeit nicht nur die Integrationsarbeit für Flüchtlinge mit Bleibeperspektive auf das Nötigste beschränkt, sondern auch andere Bereiche sind längst betroffen – allen voran sind die Mitarbeiter des Fachbereichs Jugend und Familie belastet.

Aus verschiedenen anderen Fachbereichen sind bereits Mitarbeiter für die Bewältigung der Flüchtlingssituation abgezogen worden. „Ich bitte deshalb unsere Bürgerinnen und Bürger um Verständnis, dass manche Leistungen der Landkreisverwaltung bis auf weiteres nicht im gewohnten Umfang oder nur mit Verzögerungen erbracht werden können. Wir hoffen, dass wir noch zusätzliche Mitarbeiter finden, auch wenn der Arbeitsmarkt im Sozial- und Verwaltungsbereich nahezu leer gefegt ist“, so Stegmann.

Interessierte mit einem sozialen Hintergrund oder mit Berufserfahrung in einer Verwaltung können gerne eine Initiativbewerbung an bewerbung@landkreis-lindau.de richten.

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